Gesundheit und Prävention

Praxistipps von Werner Vetter:
Kein Stress mit dem Stress!


 

Der Säbelzahntiger ist ausgestorben: Anders als während eines großen Teils der Menschheitsgeschichte sind existentiell bedrohliche Situationen aus unserem Alltag heute weitgehend verschwunden. Gleichzeitig steigt die Zahl der stressbedingten Erkrankungen und Arbeitsausfälle ständig an. Woher kommt dieser Stress – und wie schafft man es, dass man sich davon nicht stressen lässt?

Wie entsteht eigentlich Stress?

Stress ist eine Reaktion des Körpers auf einen Reiz. Um auf eine besondere Herausforderung zu reagieren, schaltet der Körper in den Notfallmodus: Hormone wie Adrenalin und Noradrenalin werden ausgeschüttet und enorme Energien zur Bewältigung der Situation freigesetzt. Stress ist also ganz normal und durchaus positiv, denn er beflügelt und spornt zu Höchstleistungen an. Er kann aber auch krank machen und schließlich in den Burnout führen.

Wann wird Stress zum Problem?

Unser Körper ist darauf ausgelegt, die Stress auslösende Situation schnell zu bereinigen und anschließend wieder in den Normalmodus herunter zu fahren – menschheitsgeschichtlich betrachtet durchaus sinnvoll: Entweder konnten wir den Säbelzahntiger besiegen oder ihm entkommen – oder wir wurden gefressen. In jedem Fall war die extreme Hormonausschüttung bald wieder beendet. Heute stehen wir dagegen oft Stresssituationen gegenüber, die lange andauern und meist nicht mehr durch körperliche Anstrengung bewältigt werden können, wie etwa dauerndem Multitasking, ständiger Erreichbarkeit oder der hohen Taktung der modernen Arbeitswelt. Die Folge: Der Hormonüberschuss im Körper wird nicht mehr abgebaut, das Gleichgewicht nicht wieder hergestellt. Der Ausnahmezustand Stress wird zum Normalzustand.

Eustress oder Distress? Die Bewertung ist entscheidend
Eine wichtige Rolle spielt aber auch, wie wir Herausforderungen bewerten. Bei dem einen löst die Aussicht auf eine Achterbahnfahrt Vorfreude und Begeisterung aus, beim anderen Angst oder gar Panik. Die gleiche Situation – völlig anderes Ergebnis: Eustress = positiver Stress im ersten, Distress = negativer Stress im zweiten Fall. Welchen Stress wir haben, hängt stark von unseren bisherigen Erfahrungen ab. Hatte ich als Kind Spaß beim Achterbahnfahren, werde ich später gerne wieder einsteigen; habe ich die Fahrt dagegen als unangenehm und beängstigend erfahren, speichere ich das Erlebnis auf meiner inneren Festplatte als negativ ab und versuche es in Zukunft zu vermeiden. Muss ich mich ihm erneut aussetzen, entsteht Disstress.

Wie umgehen mit dem Stress?
Egal, woher der Stress kommt und wie ich ihn bewerte: Wichtig ist, ihn wieder abzubauen. Dabei hilft regelmäßige Bewegung, am besten an der frischen Luft, mindestens 3 Mal pro Woche 45 Minuten – und zwar so, dass dabei kein neuer Stress durch übertriebene Leistungsansprüche entsteht. Was banal klingt, funktioniert, weil es unserem biologischen Programm entspricht: Die ausgeschütteten Hormone werden abgebaut, Körper und Geist können wieder entspannen und zum Normalzustand zurückfinden.

Die eigene Bewertung von Stress als negativ oder positiv zu ändern ist da schon schwieriger. Schließlich beruht sie auf unseren gesammelten Erfahrungen, und die können wir nicht mehr ändern – aber umschreiben und durch neue überlagern. Dazu ist es nötig, sich den Stress erzeugenden Situationen auszusetzen und dabei diesmal positive Erfahrungen zu machen. Das geht am besten mit einem erfahrenen Coach oder Trainer, der die Herausforderung langsam steigert und den Prozess so begleitet, dass neue positive Erlebnisse entstehen, statt die alten negativen Erfahrungen durch Wiederholung noch zu vertiefen.

Was stresst mich wirklich?
Das Wichtigste ist jedoch, die eigentlichen Stressoren zu identifizieren. Sind es wirklich die morgendliche Parkplatzsuche, das hektische Großraumbüro oder die laute Stimme des Kollegen, die mich so stressen, dass ich nachts nicht mehr schlafen kann? Würde ich mich insgesamt wohl und zufrieden fühlen, könnte ich diese Faktoren wahrscheinlich mit einem Achselzucken ertragen. Meist steht aber hinter dem, was uns vordergründig stresst, ein Stressfaktor, der tiefer liegt und uns auf Dauer so zermürbt, dass wir den kleinen täglichen Stressfaktoren nicht mehr gelassen standhalten.

Dann ist es Zeit, sich grundlegende Fragen zu stellen: Liegt mir die Arbeit im Vertrieb wirklich oder wäre ich nicht besser in der Forschung und Entwicklung aufgehoben? Passt die angestrebte Karriere im Großkonzern eigentlich zu mir oder könnte ich mich in einem mittelständischen Unternehmen vielleicht viel besser entfalten? Anders gesagt: Wenn ich Achterbahnfahren wirklich hasse, kann ich meine Kraft und Energie darauf richten, mir diesen Widerwillen abzutrainieren – oder ich steige um ins Riesenrad. Das ist leichter gesagt als getan, aber wenn der Stress auf Dauer anhält und sich nicht mehr abbauen lässt, führt er mit der Zeit zu Ermüdung, Erschöpfung, Erkrankung und schließlich in den Burnout. Spätestens dann sind die großen Fragen ohnehin im Raum.

Foto: shironosov / iStock / thinkstock


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